Oberdreiser Kopf: Paul Deussen

Vater Raiffeisen ist im Westerwald überall bekannt – nicht aber der aus Oberdreis stammende „Papa Deussen“: so nannten seine Studenten ihren schon damals weltweit hochgeachteten Philosophielehrer. 

"Einen Nutzen wird das allgemeinere Bekanntwerden der indischen Weltanschauung doch haben, diesen nämlich: uns zum Bewußtsein zu bringen, daß wir mit unserm gesamten religiösen und philosophischen Denken in einer kolossalen Einseitigkeit stecken."

Paul Deussen

Paul Deussen (1845-1919) ist eine geistesgeschichtliche Berühmtheit, war aber lange Zeit in der Heimat vergessen. In Oberdreis hat man seit einigen Jahren damit begonnen, den bedeutendsten Sohn des Ortes angemessen zu würdigen: Seine Grabstätte neben der evangelischen Kirche wurde renoviert, eine Gedenktafel aufgestellt und 2002 eine erste Vortragsveranstaltung durchgeführt, an der sich Elke Hoff, die damalige Vizepräsidentin der SGD, Michael Gerhard von der Schopenhauer-Gesellschaft und Heiner Feldhoff, in Oberdreis ansässiger Schriftsteller, beteiligten. Veranstalter war die Ortsgemeinde, vertreten durch Ortsbürgermeister Dieter Klein-Ventur. 

Anläßlich der 750-Jahr-Feier 2003 fand eine Ausstellung seiner Werke im ehemaligen Pfarrhaus statt sowie eine Lesung aus Deussens Autobiographie „Mein Leben“. Das Heimatjahrbuch des Kreises Neuwied für das Jahr 2004 enthält einen längeren Beitrag über den Gelehrten aus Oberdreis. 

Die Gemeinde erwarb zahlreiche alte Deussen-Buchexemplare sowie weitere Werke, die sich mit Deussen und seinem Denken beschäftigen. Der Bestand enthält inzwischen 53 Bände, die in einer Vitrine im Portal des Bürgerhauses präsentiert werden. Unter dem Titel „Nietzsches Freund. Die Lebensgeschichte des Paul Deussen“ erschien im Böhlau Verlag, Köln/Weimar, eine von Heiner Feldhoff verfaßte Biographie Paul Deussens. Am 25.10.2008 wurde das u.a. von der Ortsgemeinde geförderte Buch im Oberdreiser Gemeindehaus vorgestellt. Als Ehrengast war der Enkel Professor Paul Wolfgang Deussen aus New York zugegen.

Am 11.12.2010 sendete SWR 2 ein einstündiges Feature des Journalisten Lutz Neitzert (Neuwied) über Paul Deussen. Im Heimatjahrbuch 2011 ist eine erstmals publizierte Passage aus dem Originalmanuskript von „Mein Leben“ zu lesen, in der Deussen eine Liebesgeschichte erzählt, die ihm als Neunzehnjährigen passiert ist und in Oberdreis ihr trauriges Ende findet.

Deussen gilt als wichtiger Philosophie-Historiker in der Nachfolge Schopenhauers und als Verfasser bahnbrechender indologischer Werke. Im Gedächtnis der Nachwelt bleibt er nicht zuletzt wegen seiner lebenslangen engen Freundschaft mit Friedrich Nietzsche. Deussens „Elemente der Metaphysik“, die sechsbändige „Allgemeine Geschichte der Philosophie“, von denen sich drei dem indischen Denken widmen, die „Sechzig Upanishad’s des Veda“, seine „Erinnerungen an Indien“ waren überaus erfolgreiche Bücher, die bei Brockhaus in Leipzig verlegt wurden. Bis heute werden seine vielfach übersetzten Werke in Europa, in Amerika und in Asien immer wieder nachgedruckt; in Indien ist der Name Deussen geradezu populär.

In Oberdreis als Pfarrerssohn geboren, wuchs Paul Deussen mit sieben Geschwistern in einer landwirtschaftlich geschäftigen Pfarrei auf; seine Mutter unterhielt zudem ein angesehenes Mädchenpensionat. Paul besuchte zunächst die Oberdreiser Elementarschule und wechselte dann auf das Gymnasium in Elberfeld. Mit vierzehn Jahren erhielt er ein Stipendium für die Fürstenschule Pforta bei Naumburg. Dort lernte er Friedrich Nietzsche kennen. Nach dem Abitur nahmen die beiden ihr Studium in Bonn auf. Zweimal, 1864 und 1865, war Nietzsche für einige Tage bei den Deussens in Oberdreis zu Gast. Er war von dem gemütlichen Familienleben, der warmherzigen, frommen „Frau Pastorin“ und auch von Pauls Schwester Marie sehr angetan. 

Nach den ersten Semestern in Bonn studierte Deussen in Tübingen und Berlin, schrieb in Oberdreis seine Doktorarbeit über einen Plato-Dialog, spezialisierte sich nebenher auf Sanskrit und las intensiv Schopenhauer, der lebenslang sein philosophischer Leitstern werden sollte. In den Ferien vertrat er nicht selten seinen alten Vater im Gottesdienst. Er verstand sich durchaus als Christ, wenn auch eher in dem Sinne, daß der Kern aller Religionen identisch sei, „mit einer jeweils anderen Schale, mag sie nun etwas mehr oder weniger vollkommen sein – unvollkommen sind sie alle.“

Zunächst tätig als Lehrer in Minden und Marburg, übernahm er 1872, von Nietzsche vermittelt, eine gutbezahlte Hauslehrerstelle bei einer russischen Adelsfamilie, um deren Sohn er sich in Genf und Aachen kümmerte. Er hatte Zeit genug, Bücher zu schreiben, Vorlesungen an der Universität zu halten und sich in Briefen mit seinem genialen Freund Nietzsche auseinanderzusetzen, der ihm mit radikalen Ideen und Beschuldigungen zusetzte, ihm „Bauernstolz“ vorwarf und ihn einen gelehrten „Kleinkrämer“ nannte. Doch schon bald änderte Nietzsche sein Urteil und sprach von dem „ersten wirklichen Kenner der indischen Philosophie in Europa, meinem Freunde Paul Deussen.“ Der habilitierte sich 1881 in Berlin mit dem Werk „Das System des Vedânta“, heiratete die 19 Jahre jüngere Marie Volkmar und wurde schließlich ordentlicher Professor für Philosophie in Kiel, wo er bis zu seinem Tode als beliebter, jovialer, mit seinem phänomenalen Wissen und Gedächtnis brillierender Universitätslehrer wirkte. 

Er unternahm immer wieder weite Reisen, die ihn u.a. bis nach Indien führten, aber auch zurück in seine Westerwälder Heimat. Schon in frühen Jahren hatte Deussen in einem Brief an Nietzsche angekündigt, er wolle „im Ernst die Liebe zum Elternhaus, zur Heimat für alle Zukunft festhalten.“ Und in einem Brief fragt er Nietzsches Schwester Elisabeth: „Willst du nicht einmal Oberdreis ansehn?“

Inzwischen wächst die Zahl der Deussen-Freunde auch in seinem Heimatdorf, so daß der Wunsch laut geworden ist, spätestens zur 1000-Jahr-Feier Oberdreis in Deussendorf umzutaufen ...

Heiner Feldhoff